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Samstag, 13. September 2008 um 20:08

Kleine Einheiten sind der Schlüssel zu guter Pflege

31.07.2008

Träger befürchten nach Stopp der Förderung „Pflegemaschinen auf der grünen Wiese“

Von Julia Giertz
Stuttgart/Aidlingen - Wohnortnah, überschaubar und am Gemeinwesen
orientiert - so sieht laut Experten das Pflegeheimkonzept der Zukunft aus.
Der Kreis Böblingen setzt es als einziger im Südwesten ganz konsequent um.
Bis 2010 sollen dort 23 von 26 Gemeinden mit Pflegeheimen ausgestattet
sein. Schon jetzt haben acht Heime im Landkreis 30 oder weniger Plätze.
„Wir sind der einzige Landkreis im Südwesten, der sich samt seinen
Gemeinden verpflichtet hat, die Zahl der im Kreispflegeplan festgelegten
2500 Pflegeplätze nicht zu überschreiten“, erzählt Dieter Kulke vom
Landratsamt Böblingen stolz. Trägern, deren Vorhaben über den in der
Pflegeplanung vereinbarten Bedarf hinausgeht, werden keine Grundstücke
verkauft.

Der Kreis hält sich damit auch an die Ziele der Sozialpolitik des Landes: Die
Pflegeheimförderung von derzeit 50 Millionen Euro im Jahr geht bevorzugt an
kleine Heime mit weniger als 25 Plätzen. Obergrenze für den Zuschlag für die
Bau- und Sanierungshilfe ist eine Größe von nicht mehr als 100 Plätzen.
Derzeit leben von den mehr als 78 000 Pflegebedürftigen im Südwesten 20
bis 25 Prozent in Heimen mit bis zu 50 Plätzen. Allerdings werden noch
immer zwei Drittel aller hilfsbedürftigen alten Leute zu Hause gepflegt. Die
Landesmittel werden Ende 2010 versiegen und möglicherweise in die
Krankenhausfinanzierung umgeleitet. Sozialministerin Monika Stolz (CDU)
hofft allenfalls auf ein „paar Milliönchen“ für besonders innovative Projekte in
Heimen, etwa für den Einsatz technischer Hilfen in Demenzstationen.
Die Träger fürchten die Folgen des Stopps für die Förderung. Wolfgang
Breidbach, Kreisgeschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes in Böblingen,
rechnet mit „Wildwuchs“ und „Pflegemaschinen auf der grünen Wiese“. Die
Pflegeheimförderung sei der „goldene Zügel“ gewesen, mit dem die
Konkurrenz großer überregionaler Investoren wie der Marseille-Kliniken AG
unter Kontrolle gehalten werden konnte. Mit dem Wegfall der Förderung
werde sich der monatliche Beitrag der Heimbewohner um 200 Euro erhöhen.
Die teureren Privatinvestoren, die keine Landesmittel erhalten, könnten so
eine Konkurrenz für die Kleinen werden.

Ein Vorzeigeprojekt im Kreis ist der vom Roten Kreuz getragene Haus am
Zehnthof in Aidlingen. Die 1999 gegründete Einrichtung mit 29 Plätzen
beherbergt 22 alte Damen und sieben Senioren. Breidbach setzt dabei ganz
auf die Öffnung in die Gemeinde, Ehrenamtliche kommen zu Besuch, lesen
den alten Leuten vor, treiben Gymnastik, singen und basteln mit ihnen und
gehen für sie einkaufen. „Das ist ein stetes Kommen und Gehen“, berichtet
Breidbach. „Die Öffnung des Hauses ist die beste Kontrolle. Wenn etwas
schieflaufen würde, bekämen wir das gleich mit.“
Die Finanzierung der kleinen Einrichtung ist wider alle Unkenrufen gelungen.
Durch die Anbindung an das Pflegezentrum in Sindelfingen konnte der
Verwaltungsaufwand klein gehalten werden. Es gibt nur eine Heim-,
Pflegedienst- und Hauswirtschaftsleitung für beide Einrichtungen. Auch die
Verpflegung der Aidlinger wird vom größeren Pflegezentrum übernommen.
Das Haus arbeitet deshalb kostendeckend.

Für Christian Luft, Ministerialrat im Sozialministerium, ist nicht die Größe,
sondern die Struktur einer Einrichtung ausschlaggebend. „Wichtig ist, dass
die Würde der Menschen berücksichtigt wird.“ Durch die Vorgaben der
Pflegeheimförderung zugunsten kleiner Einheiten sei dies auch erreicht
worden. Nach deren Wegfall Ende 2010 will Luft möglichst viele Standards in
den Ausführungsvorschriften für das neue Heimgesetz verankern, die Mitte
2009 in Kraft treten könnten. So werden in den Bauvorschriften Einzelzimmer
in der Regel und eine Mindestzimmergröße von 16 Quadratmetern festgelegt.
Damit wäre Baden-Württemberg bundesweit Vorreiter. Luft ist überzeugt:
„Abstrakte Würde gibt es nicht, die ist immer konkret.“
Esslinger Zeitung -

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